Ute-Maria

 

Geboren am 25.Juni 1931, als Tochter eines Zahnarztes in Breslau, wohnten wir seit dessen Tod ab Mitte 1941 in Gleiwitz / Oberschlesien nahe der Stadt Hindenburg in der meine Vorfahren, mütterlicher- und väterlicherseits, seit Jahrhunderten ansässig waren.

Als Goebbels die fragende Parole ausgab, „Wollt ihr den totalen Krieg?“, mussten alle Frauen, deren Kinder über 10 Jahre alt waren, für den Krieg arbeiten. Im Bekanntenkreis meiner Mutter gab es einen Bergassessor, der die Generalvertretung einer Düsseldorfer Firma mit dem Schwerpunkt Bergbau leitete. Bei diesem fing meine Mutter als Sekretärin an. Meine Großmutter mütterlicherseits (Witwe seit dem 1. Weltkrieg) zog zu uns, um den Haushalt zu führen. So lebten wir bis zum Januar 1945.

Die Flucht:

Am Donnerstag den 18.Januar 1945, abends um 19 Uhr‚ bestiegen bei 20° unter Null und viel Schnee meine Mutter, meine Oma, meine Urgroßmutter (Omas Mutter, 85 Jahre alt, die gerade bei uns zu Besuch war) und eine Cousine meiner Mutter, mit ihren drei Kindern von 6, 4 und 3/4 Jahren, einen Personenzug, der uns nach zwei Tagen in Reichenberg im Isergebirge entließ. Dort erfuhren wir vier Tage später am 22.1.1945, daß die Russen inzwischen in Gleiwitz einmarschiert seien. Somit wußten wir, daß wir unsere Heimat mit allem, was wir zurück ließen, verloren hatten. Weil die Russen auch näher an Reichenberg heranrückten, mußten wir nach fünf Tagen weiterziehen.

Etwa Anfang Februar landeten wir bei der Schwägerin von Muttis Cousine in Bad Lauchstädt in der Nähe von Halle. Fünf Erwachsene und drei Kinder wohnten in einer Zwei-Zimmer-Wohnung! Dort erlebten wir die ersten schweren Bombenangriffe, weil das Bunawerk bei Leuna in der Nähe von Merseburg in nächster Nähe war. Da die Enge in Bad Lauchstädt entsetzlich war, wollten die vier Frauen nach Dresden, wo eine Schwägerin meiner Großmutter wohnte. Aber buchstäblich in letzter Minute bekamen wir ein Telegramm aus Nordhausen im Harz, wo ein Onkel meiner Großmutter mit seiner Familie lebte. Wären wir nach Dresden gefahren, so könnte ich diese Aufzeichnungen nicht mehr machen, denn wir wären mit ziemlicher Sicherheit in Dresden bei den furchtbaren Luftangriffen umgekommen.

In Nordhausen herrschte bei unserer Ankunft tiefster Friede. Mutti half einem Verwandten, in dessen Haus wir wohnen konnten, im Büro seines Geschäftes. Ich ging zur Schule. Am 1. und 2. April 1945 feierten wir zusammen Ostern. Am 3. und 4. April sank Nordhausen in zwei furchtbaren Angriffen, die wir Gott sei Dank überlebten, in Schutt und Asche. Wir flohen aus der brennenden, zerstörten Stadt, kampierten zuerst in einem Wald auf der Erde. Von dort flohen wir nach zwei bis drei Tagen, weil uns Tiefflieger beschossen. Schließlich landeten wir zusammen mit vielen fremden Menschen in einem früheren Ausflugslokal, in dessen Tanzsaal wir auf dem blanken Fußboden bis zum Einmarsch der Amerikaner am 12. April ausharrten. Am 13. oder 14. April kehrten wir zurück nach Nordhausen in das Haus der Verwandten, das erhalten geblieben war. Dort erlebten wir die amerikanische Besatzungszeit, bis auch dieser Teil des Harzes zur russischen Zone wurde. Meine Mutter wollte um keinen Preis bei den Russen bleiben. Das war eine sehr weise Entscheidung. So begaben die vier Frauen sich erneut auf die Flucht. Wir fuhren ab „ins Blaue“= Es gab keine Post. So wussten wir nicht, ob wir einen Bruder meiner Großmutter, der in Kassel lebte, dort auch antreffen würden. Ein Wunder geschah: Seine Familie lebte mit vier Personen in zwei Räumen einer Ruine. Nun kamen wir vier dazu, das reine “Nachtlager von Granada”!

Urgroßmutter und Oma blieben vorerst in Kassel, während Mutti und ich in einem offenen Kohlenwaggon bei Regen eine Nacht und einen Tag mit zwei Adressen in den Händen „gen Westen” fuhren. Unterwegs mußten wir nachts einen Halt in einem Wald einlegen, weil ein Viadukt nicht mehr stand und weil Deutsche nur bei Tag mit dem Zug fahren durften. Wir kamen zunächst bis Hamm in Westfalen. Weil der Zug dann nach Hagen weiter fuhr, landeten wir schließlich in Hagen. Dort nahm uns eine uns bisher unbekannte Verwandte aus Nordhausen auf. Von Hagen aus nahm Mutti Verbindung nach Düsseldorf auf. Wir hatten keine Heimat mehr. Mutti war unsere einzige Ernährerin. Oma, deren Mann Grubenbeamter in Oberschlesien gewesen war, bekam von der Ruhrknappschaft keine Pension ausgezahlt. Ich war inzwischen 14 Jahre alt geworden, hatte aber wegen des häufigen Ortswechsels keine abgeschlossene Schulbildung. Düsseldorf blieb unsere einzige Hoffnung. Dort traf Mutti schließlich ihren Chef aus Gleiwitz wieder. Es war die Zeit der Demontage durch die Alliierten. Deshalb wurden überall Leute entlassen und niemand eingestellt. Diese Erkenntnis war ein neuer Tiefschlag in unsere Magengrube. Aber immer, wenn man meint, es geht nicht mehr …

Muttis Chef und sie selbst haben so gekämpft, daß endlich ein Sieg kam: am 1.August 1945 durfte Mutti bei der Hauptfirma in Düsseldorf bei ihrem früheren oberschlesischen Chef wieder anfangen. Sie bekam zwar nur ein paar Pfennige Lohn, aber für uns Kretschmers (Ute-Maria, geb. Kretschmer) war das ein Riesenschritt zum Neuanfang! Nun holten Mutti und ich die Oma aus Kassel nach Düsseldorf. Oma machte sich nun jeden Tag in Düsseldorf auf den Weg, um in dieser arg zerbombten Stadt ein Obdach für uns zu finden. Durch Vermittlung einer Düsseldorfer Kollegin hatte Mutti als erste Bleibe das Esszimmer in einem evangelischen Pfarrhaus erhalten, dessen Pfarrer Junggeselle war und sich noch in Gefangenschaft befand. Die Möbel waren in altem Stil: Nußbaum, hoch poliert mit einem riesigen Tisch, Buffet und Kredenz. Wir durften auf einer Couch schlafen. Nach 14 Tagen kam Oma völlig entmutigt zum Pfarrhaus zurück, weil alles Suchen ganz umsonst war. Wer nahm schon Flüchtlinge auf!!! An diesem Tag war, während Omas Abwesenheit. das Wohnungsamt da gewesen. Die Haushälterin willigte nun ein, daß wir zu dritt das Esszimmer überlassen bekamen, in dem wir dann mehrere Monate lang „lebten“. Oma stellte sich für uns drei Tage beim Einwohnermeldeamt an, damit wir noch bis Ende August Bürger von Düsseldorf wurden, denn ab 1.9.1945 wurde eine absolute Zuzugssperre verhängt.

Die folgenden Jahre bis zur Währungsreform am 20.6.1948 waren für uns sehr, sehr hart. Sie waren geprägt vorn ständigen Hunger, von einer Zwangseinweisung in zwei winzige Dachkammern im gleichen Haus, vom Suchen nach allem, was man zum täglichen Leben braucht, vom fast täglichen Holzschlagen in einem entfernten Wald, um den Kanonenofen heizen zu können und schließlich vom Lernen auf der Straße. Am 1.0ktober 1945 hatten die Schulen Wieder mit Unterricht begonnen. Ich war in ein Mädchengymnasium eingetreten, in eine sogenannte Studienanstalt. Weil wir kein Lehrmaterial mit Hakenkreuzen verwenden durften, mussten je drei Mädchen ein Lateinbuch gemeinsam benützen. Oma und ich mussten uns immer anstellen für Brot und Gemüse, wenn es überhaupt etwas gab. So mußte ich die Schularbeiten beim Anstehen auf der Straße machen. Es war eine furchtbare Zeit, die ich nie, nie mehr wieder erleben möchte und die ich auch niemandem wünsche. 1947 haben wir meine Urgroßmutter im Alter von 87 Jahren in fremder Erde begraben. Sie hatte die Flucht am besten von uns allen verkraftet und ist schließlich ganz still eingeschlafen.

Mutti musste für mich auf der Schule noch Schulgeld zahlen. Mangels finanzieller Reserven und mangels Möglichkeiten musste ich meinen Wunsch, zu studieren begraben. So ging ich im April 1949 nach dem Erreichen der mittleren Reife von dem Gymnasium ab und trat in die einjährige höhere Handelsschule ein. Nachdem ich diese absolviert hatte, begann ich am 1.April 1950 als Stenotypistin in einer großen Maschinenfabrik für Papierverarbeitung. In dieser Firma machte ich eine gewisse Karriere, denn 1955 avancierte ich ins Direktorium und 1960 in den Vorstand. Als 1975 der Vorstand wechselte, schied ich aus dieser Firma aus und wurde für vier Jahre Sekretärin des Geschäftsführers der Firma Henkel. 1980 wechselte ich ein letztes Mal und wurde Sekretärin des Geschäftsführers bei der Ruhrkohle AG, wo ich bis zu meiner Pensionierung im Jahre 1991 blieb.

1955 war der Wiederaufbau so weit fortgeschritten und wir hatten uns bis dahin wirtschaftlich so weit gefangen, daß wir in der Innenstadt von Düsseldorf eine große Wohnung beziehen konnten. Somit kehrten wir wieder ins normale Leben zurück. Als in diesem Haus, nachdem wir zehn Jahre darin gewohnt hatten, die Söhne des Vermieters das Sagen bekamen, war es mit dem bis dahin herrschenden Frieden vorbei. Deshalb zogen wir in den nahe der Innenstadt gelegenen Stadtteil Derendorf um, in dem ich heute noch lebe. Am 20.12.1976 ist unsere gute Oma mit 86 Jahren friedlich für immer eingeschlafen. Sie hatte kein leichtes Leben gehabt. Mutti und ich waren sehr glücklich darüber, daß Sie an unserm „Aufstieg“ in vollem Maße teilnehmen konnte. Sie fuhr anfangs jedes Jahr mit uns gemeinsam in Urlaub. Weil sie viel und gern mit uns im Auto fuhr, hat sie mit uns gemeinsam viel gesehen und erlebt. Später zog sie es vor, allein die Ruhe eines Badeortes zu genießen. Sie wurde zur Oma für alle Verwandten und auch für unsern Freundeskreis. Bei jeder Fete war sie dabei, bis sie es selbst nicht mehr wollte, und hat das alles sehr genossen. Gott sei Dank hat sie fast bis zum Schluß nichts von den bösen Geistern des Alterns gespürt und ist bei uns zu Hause in Frieden gestorben.

Meine Mutter hat in der Zeit des Krieges, aber noch mehr während der Flucht und in den Nachkriegsjahren besonders Übermenschliches geleistet. Es gibt ja nicht nur materielle Schläge, sondern mehr noch seelische zu verkraften. Als der Bogen ihres Lebens nicht mehr dauernd unter Hochspannung stand, machte ihr Körper schlapp. Zuerst bekam sie eine böse schwere Leberentzündung, die die Ärzte lange Zeit nicht in den Griff bekamen. 1961 bekam sie einen besonderen Tiefschlag: Sie musste vier Monate lang wegen einer Encephalitis im Krankenhaus liegen. Damals bin ich Pfingsten zu Onkel Frick nach Sprendlingen gefahren. um dort Onkel Hanns Heidecker zu treffen und ihm mein Leid zu klagen. Er hat mir alles erklärt, mich aufgerichtet und sich mit den Ärzten in Düsseldorf in Verbindung gesetzt. Auch nachher gab er mir noch telephonisch manche Ratschläge. Als Mutti damals dem Tod von der Schippe sprang, konnte sie zuerst weder sprechen, noch gehen oder laufen, noch die Arme bewegen, noch allein essen, noch schreiben. Die Diagnose lautete zuerst „MS”. Es dauerte Monate, bis sie ins normale Leben zurückkehrte und bis bei einer Kur ein dortiger Neurologe die richtige Diagnose Encephalitis stellte. 1967 bekam sie einen ersten Vorderwand-Infarkt, 1983 den zweiten und 1985 einen dritten. Es hat jeweils lange Zeit gedauert, bis sie danach wieder auf den Beinen war. Aber sie hat es Dank ihrer Energie immer wieder geschafft. Seit dem 2. Infarkt stellten sich Angina-pectoris-Anfälle ein‚ und unter diesen bösen Anfällen mußte sie bis zum Schluß leiden. 1990 konnte ein Darmverschluß gerade noch abgewendet werden. Aber 1992 musste sie operiert werden. Kot war schon in den Magen eingedrungen. Sie musste mit einer Nasensonde abgesaugt werden. Es war eine große Operation, der sie sich unterziehen musste. Den Umständen nach hat sie diese Operation gut überstanden, aber sie bekam dann eine Lungenentzündung, der sie am 12.August 1992 um 23.15 h erlag.

 

Anmerkungen zum allgemeinen und geschichtlichen Verständnis:

Breslau heute Wroclaw in Polen
Gleiwitz heute Gliwice in Polen
Hindenburg heute Zabrze in Polen.

(1) Gleiwitz bekam im August 1939 besondere geschichtliche Bedeutung durch einen Rundfunksender des Großdeutschen-Rundfunks, welcher nach Angaben A.Hitlers von den Polen „überfallen“ wurde, was er zum Anlass des Überfalls auf Polen nahm.

Überfall auf den Sender Gleiwitz

Hitlers Rede vor dem Deutschen-Reichstag am 1.September 1939
“Seit 5:45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!”

Anmerkungen einer Vertrauensperson:

Ute-Maria hat dankenswerter Weise ihre Geschichte aufgeschrieben. Sie berichtet dazu, daß die Zeit vom Kriegsende und den Jahren danach das böseste Kapitel ihres Lebens waren, und daß es ihr deshalb schwer gefallen sei, dies aufzuzeichnen, weil dadurch alle die schlimmen Ereignisse plötzlich noch einmal Gegenwart wurden, als seien sie erst vorige Woche passiert. Und weiter schreibt sie: „Es gäbe dazu noch so viel zu erzählen, das kann man gar nicht alles schreiben.”

Ute-Maria heiratete 1973 den Ingenieur Dieter Janz, der seine liebenswerte, hübsche Frau aber nach kurzer Zeit verließ und sich 1976 von ihr scheiden ließ. So lebte Ute auf sich gestellt ihr Leben allein weiter.

 

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