Michael

 

Die Wende 1995.
Sie haben richtig gelesen, für mich persönlich fand die Wende erst 1995 statt.
In diesem Jahr wagte ich, mit meiner lieben Frau Barbara, ( Die Kinder – 1969 und 1975 geboren – waren “längst aus dem Haus” ) erstmals das “Abenteuer” die Grenze zur ehemaligen “Deutschen Demokratischen Republik” in West/Ost Richtung zu überqueren. Obwohl ich diese Demarkationslinie, Zonen Grenze oder auch “Antifaschistischer Schutzwall” 27 Jahre zuvor von Lübeck aus eineinhalb Jahre lang “in grünem Zwirn diensteifrig beschützen” durfte und 43 Jahre davor schon einmal in entgegengesetzter Richtung überwunden hatte, war mir dieser Grenzübertritt unheimlich.
Mit beklemmenden Gefühlen besuchten wir Schwerin, mit dem dominierenden Schloss der Großherzöge des früheren Herzogtums Mecklenburg-Schwerin und heute wieder prächtig herausgeputzten Landes-Hauptstadt des neuen Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern. Zum Zeitpunkt unseres damaligen Besuches jedoch, als ehemalige “Grenzstadt” des Arbeiter- und Bauernstaates, präsentierte sie sich noch im typische DDR-Flair, welches sie noch nicht abgelegt hatte. Und so fühlten wir uns beide, meine Frau aus Lübeck stammend, und ich, bei dem Anblick, welcher Schwerin uns bot, spontan in unsere Kindheit der späten 50-Jahre zurückversetzt.

Aber der Reihe nach: Ich wurde im September 1943, in dem kleinen Ort Markersdorf, im Regierungsbezirk Zittau in der Oberlausitz, im Lande Sachsen geboren. Dort tat seit 1941 mein Vater als Dorfschullehrer seinen Dienst. 1945 trafen die weltpolitischen Ereignisse nun die junge, 1939 gegründete Familie meiner Eltern, mit meinem drei Jahre älteren Bruder und mich, zum ersten Mal tiefgreifend.
In diesem Jahr, nach Ende des Krieges, erhielten unsere östlichen Nachbarn, die Polen, die deutschen Ostgebiete, Ostpreußen, Pommern und Schlesien von den Alliierten zugeteilt. Das geschah zum Ausgleich für die im Osten von den Sowjets vereinnahmten Gebiete Polens. Die Oder-Neisse-Grenze stellte dabei, im Falle der Neisse, eine völlig willkürliche Grenze dar. Denn dabei fielen östlich dieser “Lausitzer-Neisse” 15 sächsisch Dörfer, ( auch mein Geburtsort Markersdorf ) “ganz aus Versehen”, mit unter die Zugehörigkeit des Landes Schlesien, deren eigentliche historische Grenze eben weiter östlich verläuft. Der Grund war wohl die Begehrlichkeit nach einem großen Braunkohlerevier um die Ortschaft “Hirschfelde” mit einem zugehörigen Elektrizitäts-Großkraftwerk. Um diesen “Coup” schnell zu vollenden, und diesen nicht rückkehrbar zu machen, in dem man Tatsachen schaffte, übernahmen die “neuen Eigner” ihren Besitz möglichst in aller kürzester Zeit. Die 15 sächsischen Dörfer jenseits der “Lausitzer-Neisse” – östlich von Zittau – wurden mit außergewöhnlicher Eile konsequent geräumt! Die dortigen deutschen Bewohner trieb man innerhalb von 15 Minuten zusammen, um sie danach umgehend nach Westen zu Fuß zu “vertreiben”.

Meine Eltern mit uns Kindern von rund 5 und 2 Jahren fanden nach dieser spontanen “Umsiedlung” vorübergehend Unterkunft bei meiner Oma in Zittau. Bald danach wurden wir dann in die Gemeinde Großschönau, weiter westlich an der tschechischen Grenze bei einer Witwe, in deren Wohnung notuntergebracht. Der Frau war allerdings ständig anzusehen und anzumerken wie “begeistert” sie über die Einquartierung war, und entsprechend widrig gestaltete sich das “Zusammenleben”.

Die Eltern, mit zwei kleinen Kindern und dem was sie auf dem Leibe trugen, in 15 Minuten “zusammenraffen” und in Rucksack und meinem Korbkinderwagen verstauen konnten, standen 1945 praktisch vor dem Nichts.

Aber für einen Lehrer, im durch Wehrdienst unterbrochenen Schuldienst, bei dem kriegsbedingten Personalmangel und durch die zusätzlichen Schülern der Vertriebenen aus den Ostgebieten überbelegten Lehranstalten, eine Situation mit nicht allzu schlechten Aussichten. Ein sofortiger Neuanfang mit tatkräftigen Anpacken war doch zum Greifen nahe.

Hätten es sich nicht die neuen, angehenden, sozialistischen Machthaber des kommenden Arbeiter- und Bauernstaates in den Kopf gesetzt, daß alle Lehrkräfte, welche einst dem faschistischen “Dritten Reich” dienten, grundsätzlich durch und durch überzeugte NAZIS gewesen sein mussten. Diese schwer belasteten Lehrer sollten nie wieder auch nur in die Nähe von jungen, noch beeinflussbaren Bürgern kommen!
Die jungen Menschen, Schülerinnen und Schüler, sollten in dem neuen zu schaffenden, sozialistischen Gemeinwesen “unverdorben” nur mit reinem kommunistischen Gedankengut zu “freien und glücklichen” Menschen erzogen werden!
Dazu wurden eiligst junge Handwerker, Bauern und Arbeiter in Schnellkursen außerhalb eines Studiums, zu “Neulehrern umgebildet” um die zum Teil verlodderte Nachkriegsjugend zu bändigen.

Was macht nun ein arbeitsloser Lehrer, ohne jegliche Zukunftschancen je wieder in seinem erlernten Beruf arbeiten zu können? Er erinnert sich an seine “Jugendleidenschaften” – neudeutsch Hobbys – und fing mit knapp vierzig Jahren bei einem örtlichen Elektroinstallationsmeister, welcher über eine tatkräftige, sofortige Hilfe überaus dankbar war, eine Lehre an. Damit hoffte er, wenigstens mit geringem Lohn, ( und vielleicht zu erwartenden Entgelt in Naturalien ) seine junge Familie “über Wasser halten” zu können! Ein reichliches Betätigungsfeld – beileibe nicht in NEU-Installationen, sondern fast ausschließlich reparieren, zusammenflicken, aus “Alt mach Neu”. Viel Eigeninitiative war vorhanden aber auch dringend gesucht. Als ich dann etwas älter war, erinnere ich mich an so manchen Haufen Transformatorkernbleche, Spulenkörper und viieel Kupferdraht, abgewickelt bis zur Bruchstelle, zusammengelötet, isoliert und wieder aufgewickelt.
So ganz „nebenbei“ wurden auch Quirle aus gefundenen Holzkugeln gesägt, aus Fallschirmseilen Schuhsohlen oder Fußabstreicher geflochten und unsortierte Nägelhaufen mit selbsterstellter Y-Schablone auf brauchbare Längen sortiert und in Säcke verpackt. Die Nägel-Säcke, auf einem Hand-Leiterwagen, mit zur “Tarnung” darauf platzierten Kindern, fanden dann zur möglichst tiefen Nachtzeit, über Land transportiert, ihre neuen Besitzer. Was da stattfand, Sie ahnen es, war natürlich bei strenger Strafe verboten, also nicht ungefährlich. Hauptsächlich zu Weihnachtszeit wurde mit “organisierten” Stearin, zu Dochten umfunktionierten Wollfäden und mit Hilfen entsprechender Guss-Formen, sowie dem in der Oberlausitz noch reichlich vorhandenen Schnee als Abkühlmittel, Weihnachtskerzen produziert. Eben alles was zu “besorgen” und anderweitig verwendbar war und danach wieder teilweise als Tauschmittel dienen konnte.

Nicht das uns Kindern irgend etwas neben den Ährensammeln, Kartoffelstoppeln zur Erntezeit und Brennnesselsammeln zur sommerlichen Salatgewinnung, als selbstverständlicher Beitrag zum Lebensunterhalt der Familie, irgend etwas bewusst fehlte. Besonders in Erinnerung ist mir sogar nach einer 10-Kilometer Fuß-Wanderung im Zittauer-Gebirge zur besonders heissen Sommerzeit spendiertes, seltenes, noch nie gekanntes Glas „Selters-Wasser“ als ganz besonderen Hochgenuss. WIR KANNTEN ES JA NICHT ANDERS!

Den Eltern, besonders dem Vater jedoch, konnten diese Lebensverhältnisse nicht als Dauerzustand reichen, SIE kannten durchaus noch bessere Zeiten aus ihrer Jugend und der kurzen Zeit ihrer jungen Ehe.

So war es für die Eltern nicht verwunderlich, dass mein Vater im Jahre 1950, eines Tages, ohne sich von uns Kindern groß zu verabschieden, “verschwunden” war! In Wirklichkeit begab er sich aus dem äußerst südöstlichen Zipfel des sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaates auf den langen Weg in den fernen Nordwesten, um alleine in eine höchst ungewisse Zukunft, über die damals noch weitgehend ungesicherte Grenze, am Elbe-Lübeck-Kanal zu Fuß in “den Westen nüber machte”.
Dort wollte er seine weit entfernten Verwandten mütterlicherseits in Hamburg aufzusuchen, in der Hoffnung, vielleicht in der damals beileibe noch nicht als goldener Westen geltenden jungen Bundesrepublik wenigstens wieder in seinem “erlernten Lehrerberuf” arbeiten zu können. An eine “Flucht”, wie in späteren Jahren mit der gesamten Familie über Berlin mit anschließenden Transfer in die Bundesrepublik per Flugzeug, war damals noch überhaupt nicht zu denken. Die Familie musste schmerzlich, auf ungewisse Zeit, in der “Zone” zurückgelassen werden!

Die Hoffnung auf Rückkehr in den Lehrerberuf erfüllte sich gottlob für meinen Vater, nach einem “Zwischenintermezzo” als Glühbirnenvertreter bei einem örtlichen, hamburger Elektrohaus.

Als nun so eine gesicherte Grundlage in Aussicht war, wurde es höchste Zeit Frau und Kinder nach Hamburg nachzuholen. Meine Mutter musste in der Zwischenzeit den Vater verleugnen, um nicht als Frau eines Republikflüchtigen in behördliche Schwierigkeiten zu kommen. Mutter zu den Behörden: “Ich weiss gar nicht, was über den Mann gekommen ist, warum er mich und die Kinder über Nacht verließ und wo der “Kerl” geblieben ist”. Diese Lesart des “Verschwindens” meines Vaters wurde natürlich auch uns Kindern – eindringlich – präsentiert, um den unerklärlichen, plötzlichen Verlust des Vaters zu erklären. Den wahren Grund hätten wir Kinder in dem Alter sicher noch nicht begreifen können und barg die Gefahr, dass jemand aus Versehen sich verplappert. Für uns Kinder brach natürlich eine Welt zusammen! Unsere Mutter musste nun ihrerseits mit einer Anstellung als ausgebildete Kindergärtnerin, eingestellt im Betriebskindergarten der örtlichen VEB-Schlauchbootfabrik in Großschönau, die Restfamilie durchbringen. Die Betriebsbedingungen in diesem Volkseigenen-Betrieb, als Zulieferer für die Rote Armee, waren zur damaligen Zeit so katastrophal, dass sie sich – noch nicht einmal im aktiven Produktionsbetrieb tätig – durch die Dämpfe der verwendeten Klebstoffe eine schwere Gelbsucht mit Langzeitfolgen zuzog.

Die Familienzusammenführung erfolgte dann endlich im Jahre 1952. Eine für uns Kinder als „Urlaubsreise“ getarnte, lange Bahnfahrt mit unserer Mutter brachte uns zu (fiktiven) Verwandten in einem kleinen Dorf in Sachsen-Anhalt „gegenüber“ von Salzwedel, nahe Uelzen/Niedersachsen im „Westen“.

Dort geschah es, mitten in der Nacht, um den Schichtwechsel der DDR-Grenzsoldaten abzuwarten. Eine, von einem ortskundigen Einheimischen geführte Mutter mit zwei Kindern verlief sich im dunklen Wald über die damals noch nur durch eine Schneise kenntliche Zonengrenze. Nach kurzer „Registrierung“ durch die Grenzschutzpolizei der Bundesrepublik konnte der  aus der Hansestadt angereiste Vater in Uelzen überglücklich seine Familie in „Empfang“ nehmen.

Diese doch tief im “Innern verwurzelten” Erlebnisse und Erzählungen der Eltern mit “der Zone” waren der Grund des immer noch empfundenen Mißtrauens, im “Osten” eventuell doch immer noch als “Republikflüchtiger” dingfest gemacht zu werden ( war natürlich Quatsch ) aber der Grund meiner persönlichen, späten “Wiedervereinigung”.

 

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